Andreas Ackermann übt Kritik an oberflächlichen Mindset-Konzepten: Wie Gedanken den Körper wirklich verändern

Positives Denken gehört längst zum festen Repertoire von Ratgebern, Coachings und Führungsseminaren. Zielsetzungen, mentale Übungen und individuelle Entwicklung schaffen Impulse für den persönlichen Wandel. Nachhaltige Veränderungen entstehen dabei vor allem dort, wo bewusste Erkenntnis auf tief verankerte Gewohnheiten trifft. Viele Konzepte setzen zunächst oberflächlich beim gezielten Reflektieren an und schaffen damit eine wichtige Grundlage. Darüber hinaus rücken aber instinktive Prozesse und die körperliche Reaktion stärker in den Fokus. Wo verankern sich Routinen, und welchen Einfluss hat das Nervensystem auf unser Handeln?

Warum Wissen allein alte Muster nicht auflöst

Die meisten Menschen kennen ihre eigenen Verhaltensmuster sehr genau. Sie wissen, warum bestimmte Situationen sie stressen, können ihre Reaktionen erklären und identifizieren sogar wiederkehrende Schemata in den eigenen Beziehungen oder in ihrem Berufsalltag. Trotzdem folgt in ähnlichen Momenten regelmäßig die gewohnte Reaktion.

Zwischen Erkenntnis und tatsächlichem Handeln gibt es allerdings einen Bereich, dessen Rolle im klassischen Mindset-Training häufig unterschätzt wird: die körperliche Verankerung des Wissens im Nervensystem. Dort entscheidet sich, wie eine Person in einem konkreten Augenblick reagiert.

Andreas Ackermann, Gründer von feelen.com, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema, wie Denkstrukturen das Verhalten steuern. Für ihn liegt hier der Kern des Problems: „Die meisten glauben, eine Veränderung beginnt und endet im Kopf. Aber dort passiert nur die Erkenntnis. Den eigentlichen Entschluss, wie du reagierst, trifft dein Nervensystem, und das lässt sich nicht mit Wissen allein überzeugen.“

Wieso Andreas Ackermanns Kritik am Unterbewusstsein ansetzt

Gemäß Ackermanns Modell findet die faktische Steuerung weniger im analytischen Bewusstsein als vielmehr im Unterbewusstsein statt. Dort greifen eingeübte Muster automatisch und legen fest, wie eine Person auf bestimmte Umstände reagiert. Aus seiner Sicht bewertet das Unterbewusstsein ein Schema dabei nicht danach, ob es hilfreich oder hinderlich ist. Eine einmal abgespeicherte Gewohnheit wiederholt sich deshalb so lange, bis eine andere Routine an ihre Stelle tritt.

Diese Betrachtungsweise bildet einen Teil von Ackermanns eigenem Erklärungskonzept und geht über den wissenschaftlich belegten Forschungsstand hinaus. Als hypothetischer Ansatz für wiederkehrende Handlungsmuster richtet sie den Blick darauf, welchen Einfluss unbewusste Prozesse auf die persönliche Entwicklung haben. Er selbst beschreibt diesen Zusammenhang so: „Unser Unterbewusstsein urteilt nicht. Es differenziert nicht, ob ein Gedanke uns guttut oder schadet, es speichert ihn einfach als Muster ab und spielt ihn wieder ab, sobald eine ähnliche Situation auftaucht. Deshalb reicht guter Wille allein nicht, um ein Muster zu durchbrechen.“

Die körperliche Seite des Denkens

Ein Prozess, der diesen Zusammenhang wissenschaftlich gut beschreibt, ist die Neuroplastizität. Gemeint ist die Fähigkeit des Gehirns, sich ein Leben lang an Erfahrungen und wiederholte Abläufe anzupassen. Oftmals wiederkehrendes, identisches Denken und regelmäßig erlebte Emotionen stärken bestimmte neuronale Verbindungen und machen vertraute Denkwege leichter zugänglich. Ähnlich einem Wanderpfad, der durch ständiges Begehen immer fester wird. 

Andreas Ackermann greift dies auf und überträgt es auf den Alltag. Analog seiner Beobachtungen besteht ein großer Teil der täglichen Gedanken aus Wiederholungen des Vortags. Neue Überlegungen entstehen dabei vor allem durch bewusste Impulse und jüngere Erfahrungen. Wichtig bleibt dabei eine vorsichtige Einordnung: Neuroplastizität zeigt, wie Wiederholung Denk- und Reaktionsmuster im Gehirn stabilisiert. Sie erklärt die Entwicklung auf neuronaler Ebene. Für die Annahme, dass sich körperliche Erkrankungen allein durch Denkinhalte beeinflussen oder gar heilen lassen, liefert die Neuroplastizität hingegen keinen wissenschaftlichen Nachweis. 

Warum Regulation vor dem Handeln kommt 

Die Kritik von Andreas Ackermann richtet sich an dieser Stelle insbesondere auf die starke Fokussierung auf Motivation. Zahllose Ratgeber arbeiten mit emotionalen Impulsen, persönlicher Ansprache oder neuen Zielen, um Menschen zum Handeln zu bewegen. Sein Ansatz jedoch beginnt bei der Regulationsfähigkeit, also bei der Fähigkeit, auch in belastenden Situationen ruhig und klar zu bleiben.

„Alle rennen einer Motivation hinterher, um sich über den nächsten Stress hinwegzuhelfen. Doch Motivation ist keine Lösung. Wer reguliert ist, braucht sie gar nicht, dann ist der Kopf klar und die Entscheidung stimmig. Genau das übersehen die meisten Konzepte, die nur an der Oberfläche ansetzen.“ Folgt man dieser Sichtweise, bildet ein ruhiger Zustand die Grundlage für präzise Handlungen. Bei Stress reagiert das Nervensystem schneller auf altbekannte Muster. So entstehen impulsive Entschlüsse, obwohl die Person klar und bewusst reagieren möchte. 

Der persönliche Zustand als Ausgangspunkt 

Hier für sich selbst anzuknüpfen gelingt, wenn man sich die eigene Reaktion in einer der letzten stressigen Situationen vergegenwärtigt. War die Entscheidung ruhig und klar oder eher spontan und getrieben? Diese kurze Selbstreflexion gibt einen Hinweis darauf, wie gut die eigene Regulation in diesem Moment funktioniert hat. 

Vor diesem Hintergrund verändert sich ebenfalls die Perspektive. Statt nach dem richtigen nächsten Schritt zu suchen, fokussiert sich der Blick auf den Zustand, aus dem heraus ein Entschluss fällt. Dieser Wechsel der Blickrichtung stellt gemäß Ackermanns Modell den ersten Schritt zu einem dauerhaften Wandel dar.

Fazit: Substanz statt Schlagworte

Eine gewünschte Veränderung braucht mehr als nur den bewussten Vorsatz. Wiederholte Erfahrungen prägen instinktive Reaktionen und beeinflussen, wie Menschen in vertrauten Situationen agieren. Für Führungskräfte zeigt sich die Bedeutung besonders bei Entscheidungen unter Belastung: Regulation schafft die Grundlage für Klarheit, während kurzfristige Motivation kaum etwas über einen guten Entschluss sagt.

Damit schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt. Nicht positives Denken oder Erkenntnis allein, sondern die körperliche Verankerung der gewünschten Reaktions- und Handlungsweisen im Nervensystem entscheidet über dauerhaften Wandel.