Überstundenkultur stirbt: Generation Z setzt Grenzen

Punkt 17 Uhr. Der Laptop klappt zu. Die Tasche wird geschultert. Tschüss, bis morgen. Für Generation Z ist das normal, für ihre Vorgesetzten oft ein Schock. Die jüngste Generation am Arbeitsmarkt macht etwas, das revolutionär erscheint und doch selbstverständlich sein sollte: Sie arbeitet ihre vertraglich vereinbarten Stunden und dann nicht mehr. Keine unbezahlten Überstunden aus falsch verstandener Loyalität.

Keine Wochenendarbeit, um den Chef zu beeindrucken. Keine permanente Erreichbarkeit, um engagiert zu wirken. Diese radikale Grenzziehung erschüttert Unternehmen, die jahrzehntelang auf unbezahlte Mehrarbeit gebaut haben. Die Überstundenkultur, die Generationen als Normalität akzeptierten, stirbt. Nicht durch Gesetze oder Gewerkschaftskampf, sondern durch stille Verweigerung einer Generation, die andere Prioritäten setzt.

Der Generationenbruch: Warum Generation Z anders tickt

Generation Z, geboren ab Mitte der Neunziger, wuchs anders auf als ihre Vorgänger. Sie sah ihre Eltern – oft Millennials oder späte Gen X – im Burnout landen, trotz jahrelanger Überstunden nicht befördert werden, in Wirtschaftskrisen entlassen werden trotz bedingungsloser Firmenloyalität. Diese Beobachtungen prägten. Die Lehre war klar: Loyalität wird nicht belohnt, Überarbeitung wird nicht geschätzt, Grenzen muss man selbst ziehen.

Zudem ist Generation Z die erste, die mit vollständiger digitaler Vernetzung aufwuchs. Sie erlebten hautnah, wie Always-On-Kultur aussieht und was sie kostet. Burnout-Diskussionen sind für sie nicht abstrakt, sondern Teil ihrer Lebenswelt. Mental Health ist kein Tabu, sondern Gesprächsthema. Diese Sensibilität für psychische Gesundheit übersetzt sich in klare Arbeitsgrenzen.

Die Werte haben sich verschoben. Wo Babyboomer Karriere über alles stellten und auch Millennials noch vom Aufstiegsversprechen getrieben waren, fragt Gen Z: Wofür eigentlich? Der klassische Karrierepfad – jahrzehntelang schuften für Beförderung und Statussymbole – hat für sie wenig Reiz. Sie wollen jetzt Leben, nicht erst im Ruhestand. Arbeit ist Teil des Lebens, nicht Lebensmittelpunkt.

Die ökonomische Realität: Wenn Mehrarbeit sich nicht lohnt

Hinzu kommt eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung. Gen Z sieht, dass Immobilienpreise unerschwinglich sind, Rente unsicher, Aufstiegschancen begrenzt. Die Belohnung für Überarbeitung – materieller Wohlstand, soziale Sicherheit – erscheint unerreichbar. Warum also opfern? Wenn man sich trotz Vollzeitjob keine Wohnung leisten kann, erscheint zusätzliche unbezahlte Arbeit irrational.

Diese Generation ist auch besser informiert über Arbeitsrechte. Sie wissen, dass unbezahlte Überstunden oft illegal sind, dass sie Anspruch auf Ausgleich haben, dass das Arbeitszeitgesetz kein Vorschlag ist, sondern Gesetz. Diese Rechtskenntnis macht sie selbstbewusster im Einfordern.

Die Reaktionen: Zwischen Schock und Anpassung

Viele Manager reagieren fassungslos auf diese Haltung. Sie interpretieren pünktlichen Feierabend als mangelnde Motivation, als Desinteresse, als fehlende Ambition. Kommentare wie „In meiner Zeit hätte sich das niemand getraut“ oder „Die wollen halt nicht wirklich Karriere machen“ sind verbreitet. Diese Reaktion verkennt fundamental, was passiert.

Generation Z lehnt nicht Arbeit ab, sondern Ausbeutung. Sie lehnt nicht Leistung ab, sondern unbezahlte Mehrleistung. Sie lehnt nicht Engagement ab, sondern die Erwartung, dass Engagement bedeutet, sich selbst zu vernachlässigen. Diese Differenzierung fällt älteren Generationen schwer, die anders sozialisiert wurden.

Manche Unternehmen reagieren defensiv. Sie versuchen, alte Kultur zu erzwingen. Mehr Kontrolle, strengere Regeln, subtiler Druck. Das scheitert spektakulär. Gen Z lässt sich nicht einschüchtern. Sie wechseln Jobs, bevor sie ihre Grenzen aufgeben. Der War for Talents verschiebt Macht zu ihren Gunsten.

Die klugen Anpasser: Unternehmen, die verstehen

Progressive Unternehmen reagieren anders. Sie erkennen, dass Gen Z-Erwartungen keine Laune sind, sondern struktureller Wandel. Sie passen an: klare Arbeitszeiten, Überstundenausgleich als Standard, Respekt für Freizeit. Diese Firmen positionieren sich als attraktive Arbeitgeber für junge Talente.

Manche gehen weiter. Sie hinterfragen grundsätzlich, warum Überstunden nötig waren. Oft stellt sich heraus: schlechte Planung, ineffiziente Prozesse, unrealistische Erwartungen. Wenn diese adressiert werden, sind Überstunden oft unnötig. Gen Z-Widerstand wird zum Katalysator für organisationale Verbesserung.

Die kulturellen Verschiebungen: Was sich ändert

Die Ablehnung von Überstundenkultur durch Generation Z verändert Arbeitskultur breiter. Auch Millennials und Gen X fühlen sich ermutigt, Grenzen zu setzen. Was Jüngere vorgemacht haben, trauen sich Ältere nachzuahmen. Das verschiebt Normen.
Meetings nach 17 Uhr werden seltener. Wochenend-E-Mails erhalten keine Antworten mehr. Die Erwartung ständiger Erreichbarkeit erodiert. Das schafft gesünderen Arbeitsrhythmus für alle, nicht nur für die Generation Z. Die Grenzziehung der einen ermöglicht Grenzen für andere.

Auch die Definition von Commitment ändert sich. Lange wurde Engagement an Anwesenheitszeit gemessen. Wer zuerst kommt und zuletzt geht, galt als engagiert. Dieses Präsenztheater wird zunehmend als das erkannt, was es ist: ineffizient und irrelevant. Engagement zeigt sich in Output, nicht in Input. In Ergebnissen, nicht Stunden.

Die Produktivitätsfrage: Arbeitet Generation Z weniger?

Ein verbreitetes Missverständnis: Gen Z arbeitet weniger. Das stimmt nicht. Sie arbeitet anders. Während vertraglich vereinbarter Zeit sind sie fokussiert, effizient, ergebnisorientiert. Sie verschwenden keine Zeit mit Präsenztheater. Sie verlängern nicht künstlich den Tag, um engagiert zu wirken. Diese Effizienz kompensiert oft kürzere Anwesenheit.

Studien zeigen: Längere Arbeitszeiten korrelieren nicht mit höherer Produktivität. Ab einem Punkt sinkt die Produktivität sogar. Erschöpfung führt zu Fehlern, langsamerem Tempo, schlechteren Entscheidungen. Gen Z versteht das intuitiv und optimiert für nachhaltige Leistung, nicht maximale Stunden.

Die rechtlichen Dimensionen: Was das Gesetz sagt

Interessanterweise ist Gen Z-Verhalten oft legal korrekt, während Überstunden-Erwartung illegal ist. Das Arbeitszeitgesetz in Deutschland begrenzt die tägliche Arbeitszeit, fordert Ruhepausen und schützt Wochenenden. Viele Überstundenkulturen verstoßen dagegen strukturell.

Generation Z kennt diese Rechte und pocht darauf. Das setzt Unternehmen unter Druck. Rechtsverstöße, die jahrelang toleriert wurden, weil niemand klagte, werden plötzlich zum Risiko. Arbeitsrechtsklagen von jungen Mitarbeitern nehmen zu. Diese rechtliche Durchsetzung verstärkt kulturellen Wandel.

Auch Betriebsräte profitieren. Gen Z-Mitarbeiter sind offener für gewerkschaftliche Organisation als erwartet wurde. Sie sehen Kollektivvertretung als Werkzeug, Rechte durchzusetzen. Das stärkt Arbeitnehmervertretungen in manchen Branchen.

Die Ausnahmen: Wo Überstunden bleiben

Nicht überall stirbt Überstundenkultur. In manchen Branchen bleibt sie Realität. Investmentbanking, Unternehmensberatung, Top-Kanzleien – hier sind extreme Arbeitszeiten Teil des Deals. Doch auch hier verändert sich etwas: Gen Z meidet diese Branchen zunehmend. Die Pipeline von Top-Talenten versiegt. Diese Firmen müssen entweder die Kultur ändern oder zunehmend auf zweite Wahl zurückgreifen.

Start-ups sind ambivalent. Manche glorifizieren Hustle-Culture, erwarten 80-Stunden-Wochen. Generation Z meidet diese zunehmend und bevorzugt etabliertere Firmen mit besserer Work-Life-Balance. Andere Start-ups positionieren sich bewusst als Anti-Hustle, bieten Balance als Differentiator. Das wird Wettbewerbsvorteil im Recruiting.

Die internationalen Unterschiede: Kulturelle Varianz

Der Wandel ist nicht überall gleich stark. In den USA mit schwächerem Arbeitnehmerschutz ist die Überstundenkultur resistenter. In skandinavischen Ländern mit starker Work-Life-Balance-Tradition war sie nie so ausgeprägt. In asiatischen Ländern mit extremer Arbeitskultur formiert sich Widerstand, aber langsamer.

Deutschland und Mitteleuropa sind Zwischenpositionen. Stark genug reguliert, dass Gen Z Rechte hat, aber kulturell noch geprägt von Überstunden-Tradition. Der Konflikt zwischen Alt und Jung ist hier besonders sichtbar. Das macht Deutschland zu einem Fallstudien-Gebiet für diesen Wandel.

Die COVID-Beschleunigung: Pandemie als Verstärker

Die Pandemie beschleunigte Entwicklung paradoxerweise. Homeoffice machte Arbeitszeiten sichtbarer und unsichtbarer zugleich. Manche Arbeitgeber versuchten es mit mehr Kontrolle. Doch die Generation Z reagierte mit strikteren Grenzen – Computer aus um 17 Uhr, keine Antworten nach Feierabend. Die physische Distanz erleichterte diese Grenzziehung.

Gleichzeitig zeigte die Pandemie die Fragilität von Karriereversprechen. Massenentlassungen trafen auch jene, die jahrelang Überstunden gemacht hatten. Diese Lektion verstärkte Gen Z-Überzeugung: Loyalität lohnt nicht, Grenzen sind nötig.

Die unvermeidbare Normalisierung von Grenzen

Die Überstundenkultur stirbt nicht über Nacht, aber sie stirbt. Generation Z treibt diesen Wandel, aber sie ist nicht allein. Auch andere Generationen erkennen, dass permanente Überarbeitung nicht nachhaltig ist – nicht für Individuen, nicht für Organisationen. Die Normalisierung klarer Arbeitsgrenzen ist überfällig.

Unternehmen, die sich wehren, werden verlieren. Nicht nur moralisch, sondern praktisch. Sie werden Talente nicht mehr rekrutieren können, bestehende Mitarbeiter verlieren und in Rechtsstreitigkeiten verwickelt werden. Der demografische Wandel gibt der Generation Z Macht. Sie sind zahlenmäßig bedeutsam und haben Wahlmöglichkeiten.

Für Manager bedeutet das Umdenken. Leistung nicht an Anwesenheit messen. Effizienz über Stunden stellen. Respekt für Freizeit zeigen. Das ist kein Zugeständnis an eine verwöhnte Generation, sondern eine Anpassung an die neue Realität. Eine Realität, die übrigens gesünder ist für alle Beteiligten.

Die Überstundenkultur war nie gut, sie war nur normal. Gen Z macht sie abnormal. Das ist keine Tragödie, sondern Fortschritt. Die Frage ist nicht, ob sich Unternehmen anpassen, sondern wie schnell. Wer früh anpasst, profitiert. Wer an der Vergangenheit klammert, wird von der Zukunft überrollt. Die Grenzen sind gezogen. Unternehmen können sie respektieren oder sie können irrelevant werden.